Kindgerecht abnehmen und Diabetes verhindern | Die Ernährungs-Docs | NDR

Kindgerecht abnehmen und Diabetes verhindern | Die Ernährungs-Docs | NDR


Eine Chance für ein Kind
mit zu viel Zucker im Blut. Wir haben versucht, gegenzusteuern,
aber es passiert nichts. Für einen Mann mit Arthrose. Gelenke sind alle im Eimer. Und für eine Frau
mit chronischer Bronchitis. * Husten * Ich muss damit aufhören, was
ich mache, um zu Luft zu kommen. Drei neue Fälle
für die Ernährungs-Docs. Ihre Strategie: Iss dich gesund. Janine Gottschalk kommt
mit Sohn Moritz aufs Praxisboot. Sie macht sich Sorgen um ihr Kind. Jetzt ist er noch jung genug,
dass wir was machen können. Es ist meine letzte Hoffnung. Mein Strohhalm,
an dem ich mich festhalte. Ich bin vor einer Woche
neun Jahre alt geworden. Und ich hab leicht Zucker. Prädiabetes,
die Vorstufe von Diabetes Typ 2. Moritz hat zu viel Zucker im Blut. Der Grund: Er ist zu dick,
wie jedes siebte Kind in Deutschland. Janine tut alles, um ihren Sohn
zu behüten, ihn zu beschützen. Dass er in der Schule gehänselt wird,
kann sie nicht verhindern. Die haben ihn
als fettes Schwein betitelt. Ja. Ja. Und dat bricht mir
immer dat Mutterherz, find ick sehr schlimm. Sie macht Moritz zu essen,
was er gerne mag, mittags oft belegte Brote. Am frühen Abend warm: Nudeln zum Beispiel,
mit Ketchup und Fleischwurst. Erst würd ick sagen,
ick bin nich schuld. Aber wenn ick drüber nachdenk: Gibt bestimmt Sachen,
die nicht richtig sind. Aber irgendwas muss er essen. Und er ist ein Kind. Falsches Essen ist auch ein Problem,
wenn einmal die Woche Oma kocht. Nicht umsonst
hat die ihren Spitznamen weg: “Oma Kartoffelbrei-aus-der-Tüte-
mit-Igelwurst”. Oma kocht meistens aus der Tüte,
also Kartoffelbrei aus der Tüte. Und … ja … Sie gibt mir auch leider
‘n bisschen viel Süßes. Dazu kriegt der Junge
kaum Bewegung. Nachmittags muss Janine arbeiten. Zwar nur nebenan
im Familienunternehmen, aber doch weit genug weg. Dann arbeite ich und irgendwann so: Upps, gehste mal rüber und er guckt
und spielt und macht und tut. Wenn man sagt, er soll ausmachen,
ist das für ihn nicht so toll. Zu guter Letzt spielen auch
seine Gene eine Rolle. Sein geliebter Opa
ist mit nur 64 Jahren gestorben. Auch er hatte starkes Übergewicht,
war zuckerkrank. Mein Papa
ist nur noch Auto gefahren. Beim Laufen hat er nur noch gejapst. Und Moritz fängt genauso an. Wenn der sich die Schuhe anzieht,
muss er sich hinsetzen. Der Diabetologe Matthias Riedl warnt: Die Zahl von Kindern und Jugendlichen
mit Diabetes Typ 2 hat sich verzehnfacht
in den vergangenen Jahren. Was bei Moritz im Körper los ist,
führt er ihm bildlich vor Augen. Moritz, was brauchst du,
um diese Hantel zu heben? Muskeln. Genau. Und die Muskulatur braucht Energie. Und das ist in Zucker. Richtig. Damit dieser Zucker
in die Muskulatur reinkommen kann, produziert die Bauchspeicheldrüse
ein Hormon. Das Insulin. Dieses Hormon
schließt deinen Muskel auf, damit der Zucker
in die Muskulatur kann. Aha. So funktioniert
der Zuckerstoffwechsel bei gesunden Menschen. Bei Moritz ist der Prozess gestört. Deiner Bauchspeicheldrüse
geht es so wie diesem Auto: Es ist total überladen
und kommt nicht mehr voran. Weil ich zu viel Zucker esse. Genau. Und dieses Zuviel an Zucker … … wirkt so: “Vorsicht, giftige Stoffe”. Es wirkt wie Gift. Zu viele Kohlenhydrate aus Zucker,
Brot, Nudeln oder Kartoffeln und zu wenig Bewegung
machen den Jungen krank. Sein Langzeitblutzucker
liegt bei 5,5. Zusammen mit einem Nüchternzucker
von 122 Milligramm pro Deziliter ungewöhnlich hoch für ein Kind –
ein Alarmsignal. Das ist der Weg zu einem Diabetes. Und das liegt an seinem Übergewicht. Bei einer Größe von 1,38 Metern
und einem Gewicht von 48 Kilo wiegt Moritz mehr als 97 Prozent
seiner Altersgenossen. Er gehört damit zu den drei Prozent
Schwersten seines Alters. Wir haben in Berlin versucht,
Hilfe zu kriegen. Da wurde ich immer weggeschickt. Die haben alle gesagt: Liegt an mir, dass ich ihm
falsche Ernährung gebe. Man denkt ja drüber nach,
ob man alles falsch macht. Das dürfen Sie nicht. Sie sind nicht schuld,
Sie haben sich bemüht. Wir analysieren jetzt die Fakten
und werden Stück für Stück die Ernährung so gestalten,
dass Moritz gesund bleibt. Die Strategie für Moritz,
um den Diabetes zu verhindern: Er soll weiter wachsen,
dabei aber nicht mehr zunehmen. Dass Zucker ihn dick macht,
weiß er. Aber Zucker
steckt in viel mehr Lebensmitteln, als es auf den ersten Blick scheint. Ihr habt
ein Ernährungsprotokoll geschrieben und ich hab mir die Tage angeschaut. Einen hab ich mal rausgegriffen. Durch Zufall hat Matthias Riedl
den “Oma-Tag” erwischt. Zum Frühstück gab’s eine Käsestange,
ein Ei, Pudding, fünf Bonbons und Erdbeerwasser. Was meinen Sie, wie viele Zuckerstücke
sind in diesem Frühstück? In dem Frühstück mit den Bonbons … Zwölf. Das ist die Menge an Zucker. Das Wasser mit Erdbeergeschmack
ist vor allem eine Zuckerbombe. Ein halber Liter
hat 25 Gramm Zucker. Hätten Sie das gedacht? Nein. Dann das Mittagessen:
Nudeln mit Ketchup, ein Glas Beerenschorle
und ein Fruchtjoghurt. Hier sind es sogar 14 Würfel Zucker. Kommen wir zum Abendessen.
Wie sieht’s da aus? Fruchtsaft, drei Toasts mit Ketchup
und zwei Würstchen. Da schätze ich … … 19 bis 18. Es sind zwölf. Wie viel Zucker also insgesamt? … 5, 6, 7 … … 13, 14, 15 … … 19, 20 … … 32, 33, 34 … … 36, 37, 38. 38 Stück Zucker. Versteckter Zucker,
den du nicht siehst. Der Junge soll
natürliche Lebensmittel essen. Weniger Kohlenhydrate, keinen Zucker. Z.B. morgens
Vanillequark mit Erdbeeren. Zum Mittagessen Putenwrap mit Spinat. Abends Dinkelnudeln
mit selbstgemachter Tomatensoße – statt Ketchup. Moritz, probier mal. Hamm! Das gehört dazu. Wie hat’s geschmeckt? Lecker! Ja? Vermisst du den Ketchup? Nee. Die Rezepte dafür gibt es
bei den Ernährungs-Docs im Internet. So, Moritz, das ist
deine Naschi-Portion für den Tag: Drei Kekse oder acht Gummibärchen. Kommst du damit klar? J… nein. Hm? Jein! Ohne Eis, ohne alles? Mhm. Echt?
Zucker ist ein dosisabhängiges Gift. Und das ist die Empfehlung vom Arzt,
wie du dieses Gift dosierst. Wir schaffen das, ne? War viel, sehr viel. Sehr viel. Der Weg wird steinig und schwer. Janine ahnt, was kommt: Sie muss täglich für ihr Kind kochen,
oft Nein sagen, sich auf Diskussionen einstellen. Und das Beste daran ist,
dass man dünner wird. Einfach ist die Sache
für beide nicht. Janine muss lernen, Nein zu sagen. Ich war immer ‘ne Mama,
die ihm wenig ausschlagen konnte. Oder gar nichts. War für mich ‘ne schwere Umstellung,
Nein zu sagen. Um zu verhindern,
dass aus Moritz’ Blutzuckerwerten ein Diabetes Typ 2 wird,
muss der Neunjährige abnehmen. Und ganz anders essen als vorher. Statt Döner gibt es jetzt
einen Wrap mit Gemüse, Schafskäse und magerem Fleisch. Und frisch gekochte Erbsensuppe
von Oma Nummer zwei. Moritz soll kleinere Portionen essen
und nur dreimal pro Tag. Was es noch gibt,
hat sein Vater gefilmt. * (Vater) Wir haben dem Moritz
Essen gemacht: Frischen Mohrrübensalat,
Putensteak mit Ei. Wir essen heute –
Mama, was essen wir heute? * Brokkoli, Kartoffeln und Hühnchen. Pute. Eine Kohlroulade mit Gemüse,
mit Möhren, Porree und Bergkäse, dazu frischen Quark mit Kräutern. Auf Los geht’s los. Das ist jetzt nicht so meins, aber man kann’s schon mal essen,
wenn’s nix anderes gibt. Damit er Kalorien verbrennt,
soll Moritz sich bewegen. Er hat seine Begeisterung
fürs Kickboxen entdeckt. Merken kann man das jetzt nicht,
aber man fühlt es schon, dass man dünner geworden ist. Ob sein Gefühl stimmt, checken die Ernährungs-Docs
in zwei Monaten. Und was mit seinem erhöhten
Blutzucker passiert. Moritz und seine Mutter
kommen wieder aufs Praxisboot. Janine ist gespannt
auf seine neuen Blutzuckerwerte. Was ist mit der Diabetes-Gefahr? Moritz, anders essen –
wie klappt das? Also manche Rezepte gefallen mir,
aber manche halt nicht. Das ist mir nicht leicht gefallen. Es war schon schwer,
sich so umzustellen. Hast du dich etwas daran gewöhnt?
Ja, es ist schon viel leichter. Frau Gottschalk, welche Erfahrungen haben Sie gemacht
bei der Ernährungsumstellung? Es war sehr schwer. Wir haben viel diskutiert. Und für mich als Mutter war die
Schwierigkeit: Durchhaltevermögen. Hat sich ihre Konsequenz ausgezahlt? Vor einem halben Jahr wog Moritz
48 Kilo bei einer Größe von 1,38 m. Jetzt wiegst du: 46,5 Kilo … … bei 140,5 cm. Moritz hat 1,5 Kilo abgenommen
und ist 2,5 cm gewachsen. Das war das Ziel. Ist toll, ne? Ja, super. Sehr super. Und nun zur entscheidenden Frage: Sein Langzeitblutzuckerwert lag vor der Ernährungsumstellung
bei 5,5 Prozent. Hat er sich verändert? Der liegt jetzt
bei phänomenalen 5,1 Prozent – um 0,4 Punkte gesunken. Perfekt! Auch sein Nüchternzucker
ist von 122 auf 99 gesunken. Damit hat Moritz wieder
einen gesunden Blutzuckerwert. Mir fällt ‘n Stein vom Herzen.
Alles richtig gemacht. Diese tolle Leistung
haben Sie vollbracht. Sie haben Moritz an die Breite
der gesunden Ernährung herangeführt. Das muss natürlich so weitergehen.
Ja. Ja. Toll! Stolz, ne? Kinder von Übergewicht und
erhöhtem Blutzucker runterzukriegen, ist extrem schwierig
und muss vor der Pubertät geschehen. Dass das bei Moritz
so gut geklappt hat, macht mich richtig froh.

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